Sonntag, 11. Oktober 2015


Und der Duft nach Weiß

von Stefanie Gregg

Yolante hat's gelesen

 

 


 

„Kalt, eiskalt ist es im Laderaum des Lastwagens. Als Anelija endlich aussteigen kann, spürt sie ihre Finger nicht mehr. Doch sie hat die Flucht über die Grenze überlebt – sie ist in Deutschland. Und es duftet nach Weiß, ganz anders als in ihrer bulgarischen Heimat, wo nicht nur Staub in der Luft liegt, sondern auch die ständige Angst, verraten, verhaftet und gefoltert zu werden, weil man den falschen Radiosender hört. Jetzt, im Sommer 1987, ist Anelija endlich der bedrückenden enge entflohen. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter, die sie in die Obhut der Großmutter zurückließ, als Anelija gerade einmal fünf Jahre alt war … „

 

Soweit der Klappentext eines wunderbaren Schicksalsromans der Autorin Stefanie Gregg.

Ich habe den Roman zweimal gelesen. Und ich könnte ihn auch ein weiteres Mal lesen, wobei ich sicher noch einige neue Facetten der Geschichte neu entdecken würde.

 

Eckdaten


Und der Duft nach Weiß
Stefanie Gregg
ISBN: 978-3-95818-045-1
E-Book 3,99€
Originalausgabe bei Forever, ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH
Juni 2015

 

 Inhalt in eigenen Worten

Erzählt wird die Geschichte von Anelija Lulewa, die als 5-Jährige von ihrer Mutter verlassen wurde. Die Mutter war zu jung, als sie das Mädchen bekam. Sie hatte Sehnsucht nach Freiheit und ist nach Deutschland geflohen. Ihre Tochter hat sie in der Obhut der Groß- und Urgroßmutter zurückgelassen. Außer wenigen Briefen und selten einem Paket erfährt Anelija nichts von ihrer Mutter.

Dass sie bei den Omas aufwächst, ohne Vater, führt bei den Mitschülern zu Anfeindungen und schrägen Bemerkungen. Anelija jedoch stört das nicht. Sie fühlt sich so geborgen, dass Kommentare meist an ihr abprallen. Auch sonst spürt sie das bulgarische kommunistische System in jungen Jahren nur selten. Bloß, dass immer ein Präsidentenbild aufgehängt wird, wenn Besuch kommt, das entgeht ihr schon als Kind nicht. Besuch: Bild wird aufgehängt, Besuch weg: Bild liegt achtlos auf der Kommode.

Erst als das Mädchen aufs Gymnasium gehen darf, spürt sie die Härte des Systems. Sie muss hart arbeiten für das Privileg, auf eine höhere Schule gehen zu dürfen. Sie muss Geld verdienen, um die Schule bezahlen zu können, muss sich Annäherungen und Anfeindungen gefallen lassen. Ein Arbeitslager zeigt ihr deutlich, wie wichtig eine gute Betragensnote ist, die jedoch scheinbar ganz willkürlich vergeben werden kann. Aber Anelija hat immer wieder Fürsprecher, die ihr eine Sonderstellung ermöglichen.

Dennoch verspürt sie den deutlichen Wunsch nach Freiheit, und nach ihrer Mutter, die in Deutschland lebt. Sie ist nicht ganz. Als Jugendliche macht sie sich auf den Weg nach Deutschland. Obwohl ihren Babas, den Omas, dieser Gedanke nicht gefällt, unterstützen sie Anelija in ihrem Vorhaben.

Am Ende flieht Anelija nach Deutschland. Es ist eine gefährliche Reise, die sie in einem Kühllaster voller Pflaumen überstehen muss, bei minus 7 Grad. Doch sie kommt heil in Deutschland an und kann sich mit der Unterstützung ihrer Mutter und deren Mann ein neues Leben aufbauen.

Parallel dazu wird die Geschichte des bulgarischen Schriftstellers Georgi Markow erzählt. Markow ist Regimekritiker und versucht greift in seinen Werken die Regierung an. Zunächst als Privilegierter behandelt, muss er sich den Forderungen Schiwkows beugen und seine Werke werden zensiert. Allerdings bleibt Markow kritisch und muss deshalb ins Exil. Er flieht. Trotzdem wird er weiter von der Regierung verfolgt. Nach mehreren erfolglosen Mordversuchen, wird er schließlich doch getötet, was als das Regenschirm-Attentat in die Geschichte eingeht.

 

Was beide Geschichten miteinander zu tun haben? Lest selbst, es lohnt sich. Die Autorin zieht zunächst beide Handlungsstränge getrennt voneinander hoch und führt sie am Ende geschickt zusammen.

 

Meine Meinung zum Buch


Die Geschichte wird authentisch und warm erzählt. Der Autorin gelingt eine wunderbare Sprache, die tiefe Einblicke in die Gefühlswelt aller Beteiligten ermöglicht. Anelija ist die Ich-Erzählerin, die ihre Geschichte ihrem Freund Enno erzählt. Zum ersten Mal sprudelt es aus ihr heraus, sie gibt dem jungen Mann, der auch der Vater ihres Kindes ist, nach und nach die ganze Geschichte preis. Dabei springt die Erzählung hin und her zwischen verschiedenen Orten und Zeiten. Einmal steht das Gespräch im Vordergrund, ein anderes Mal die Erinnerung.

Besonders beeindruckend fand ich die Darstellungen des bulgarischen Lebens, das karg und staubig geschildert wird, aber die Menschen dennoch am Abend zufrieden zurücklässt. In Deutschland lebend vermisst Anelija diese Herzenswärme. Auch ihre Mutter führt ein eigenes Leben. Anelija spürt das. Obwohl nicht deutlich ausgesprochen, kann man das zwischen den Zeilen lesen.

Auch der Ehrgeiz des Mädchens wird deutlich herausgestellt. Mit Fleiß und Interesse schafft sie es in Bulgarien aufs Gymnasium, obwohl die Mutter als Staatsfeind gilt. In Deutschland erhält sie sogar ein Stipendium, mit dem sie unabhängig von ihrer Mutter leben kann.

Der Duft nach Weiß, der Titel, passt gut zu dem Buch. Es wird immer wieder hervorgehoben, dass in Deutschland alles bunter und heller ist: das Papier, die Häuser, die Luft. Luft zum Atmen. Freiheit. Während in Bulgarien das strenge „Seid bereit, immer bereit“ vorherrscht, darf sie in Deutschland ihre Meinung sagen. Und selbst als am Ende das bulgarische Regime zusammenbricht, bleibt Anelija in Deutschland, fühlt sich aber in Bulgarien, bei ihren Babas viel geborgener. Sie fühlt diese besondere Herzenswärme und Verbundenheit, die man während der gesamten Geschichte spürt.

Der Roman verspricht schöne Lesestunden, die uns das strenge bulgarische Leben während der Zeit des Kommunismus in dem Land mitfühlen lässt. Obwohl dargestellt wird, wann und wie Anelija schwanger geworden ist, bleibt Erotik absolut außen vor. Ebenso wird der Mord an Markow eher sachlich dargestellt. Es gibt keine blutigen oder gewalttätigen Szenen. Umso genauer werden die Umstände erläutert; Umstände und Gefühle, die Sehnsucht nach Bulgarien, nach der Heimat, obwohl die Protagonisten in einem anderen Land leben.

Das Buch ist ein Muss. Ein wunderbarer Schicksalsroman, kurzweilig zu lesen und packend geschrieben.

 

Form


Die Geschichte wird in Abschnitten erzählt, zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten. An diese Perspektive und den ständigen Wechsel zwischen Land und Leuten, musste ich mich erst gewöhnen. Am Anfang kam mir die Geschichte dadurch sehr hektisch und sprunghaft vor. Ich habe eine Weile gebraucht, ehe ich mich daran gewöhnt hatte und ununterbrochen weiterlesen konnte. Anfangs muss man oft umdenken. Aber dennoch hat diese Erzählweise etwas Gutes. Es entstehen kurze Abschnitte, die man getrennt voneinander lesen kann. Wer nicht so viel Zeit am Stück zur Verfügung hat, wird mit der Kapiteleinteilung zufrieden sein. Man kommt nicht aus der Geschichte raus, verliert nicht den Faden.  

Eine kleine Kritik möchte ich an dieser Stelle noch loswerden: Das Buch wurde mit 351 Seiten in meinem Lesegerät veranschlagt. Davon gehörten aber nur 300 zur eigentlichen Geschichte. Am Ende findet sich noch ein Diagramm, eine Danksagung und Werbung für weitere Bücher. Auch die umfangreiche Leseprobe eines weiteren Romans kann man dort lesen. Das fand ich vom Umfang her viel zu viel. Beim Lesen mit Blick auf die Seitenzahlen des Buches hat man auf Seite 260 noch den Eindruck, die Geschichte dauert noch ewig. Und dann ist sie plötzlich zu Ende, das Buch aber noch nicht beendet. Das könnte man meiner Meinung nach kürzer gestalten. Ein Siebtel des Buches ist Werbung, das finde ich üerdimensioniert.
 

 

Cover und Satz


Das Cover hat mich veranlasst, mich überhaupt mit dem Roman zu beschäftigen. Im unteren Drittel ist ein Kornfeld zu sehen, das am Wegrand von einer Blumenwiese überwachsen ist. Dieses Feld wird scharf dargestellt. Dahinter, unscharf, ein kleines Haus, freistehend, das fast von den dicken Quellwolken verschlungen wird. Das Bild hat mich angesprochen. Es vermittelt den Eindruck, dass es um jemanden geht, der dieses Haus aus sicherer Entfernung beobachtet und sich heimisch darin fühlt. Später wurde mir klar, dass damit die Sicht der kleinen Anelija verdeutlicht wird, die arglos im Feld spielt, während ihre Mutter sich aus der Ferne verabschiedet, ohne sie zum Abschied zu umarmen.
 
Da es sich um ein E-Book handelt, kann der Hintergrund je nach Lesegerät variiert werden. Ich konnte wählen zwischen Weiß und Sepia. Ein weißer Hintergrund passt zwar zum Titel, gefällt mir persönlich aber weniger gut. Also habe ich Sepia gewählt, was mir den Eindruck vermittelt hat, ich lese in einem richtigen Buch. Es macht die Geschichte wärmer. Auch die Schrift ist gut gewählt. Es ist eine Druckschrift mit geschwungenen Buchstaben, die gut zur Geschichte passt. Keine Schreibmaschinenschrift, sondern ein bisschen angenähert an Schreibschrift. Die Geschichte wirkt dadurch noch echter. Die Aufmachung ist prima realisiert und erweckt den Eindruck eines richtigen Buches. Die Schriftgröße ist nicht fest, sondern kann verändert werden, die Seitenzahlen passen sich an, so dass man immer weiß an welcher Stelle man sich im Buch gerade befindet. Besser als auf dem Handy liest es sich sicher mit einem Lesegerät wie dem Kindle.
 

Fazit


Ein spannender Schicksalsroman, der mir wunderbare Lesestunden bereitet hat. Danke. Ich habe am Rande einiges über den bulgarischen Kommunismus erfahren, über die Angst der Bevölkerung, die Brutalität, die Skrupellosigkeit, aber auch über das zufriedenstellende Landleben der Bulgaren. Ich konnte das Heimatgefühl richtig spüren. Das Essen, die Luft, die Herzenswärme, all das konnte ich mir für eine Weile ins Wohnzimmer holen. Ich kann den Roman nur empfehlen.
 
Yolante
Yo ist Yo - hier und anderswo
 
 



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