Mittwoch, 4. November 2015

Rezension: Arbeit ist nicht unser Leben

ARBEIT IST NICHT UNSER LEBEN

Anleitung zur Karriereverweigerung

 
 

Von Alix Faßmann
ISBN: 978-3-8387-5309-6
Bastei Lübbe AG
2014
9,99€
Epub-Format
www.luebbe.de


Inhalt

Prolog
1. Karriere macht dumm
2. Arbeit macht arm
3. Ehrgeiz macht krank
4. Moral hält uns klein
5. Der freie Markt macht unfrei
6. Die Renten sind viel zu sicher
7. Wachstum macht unglücklich
8. Ohne Fleiß kein Verschleiß
9. Zusammen sind wir weniger allein
10. Denn wir wissen, was wir tun
Epilog
Dank



Die Autorin

Zunächst ist mir aufgefallen, dass im ebook kein Autorenporträt vorhanden ist. Das fand ich etwas eigenartig, denn normalerweise erscheint ein Foto mit einer kurzen Vita. Hier allerdings erfährt man über die Autorin in dem Buch nur über den Inhalt etwas.
Das Buch handelt von ihren Erfahrungen, so dass man sich ein Bild von ihr machen kann. Aber man muss sich sein Autorenporträt selbst zusammenschustern. Das will ich an dieser Stelle kurz versuchen, damit ihr auch etwas über die junge Autorin erfahrt.
Alix Faßmann, Jg 1983, Journalistin und Autorin, hat ihre Karriere an den Nagel gehängt, um mit dem Wohnmobil nach Italien zu reisen. Ihr Selbstfindungsprozess hat über ein Jahr gedauert, aber sie ist nicht dauerhaft ausgestiegen, sondern wieder nach Berlin zurückgekehrt.
Sie will sich nicht mit den Arbeitsbedingungen abfinden, die in unserer Gesellschaft herrschen und sucht nach Lösungen. Diese Lösungen versucht sie im Buch deutlich zu machen.


Aufbau des Buches

Anhand des Inhalt kann man sich meiner Meinung nach noch kein umfassendes Bild machen, worum genau es in dem Buch geht. Die Inhaltsangabe ist recht grob und lässt zunächst keine Rückschlüsse zu, wo ihre Schwerpunkte liegen.
Auch kann man im Inhaltsverzeichnis noch nicht erkennen, ob es Ratschläge gibt, die man selbst anwenden kann, um seine eigene Karriere in den Griff zu bekommen.
Der Aufbau des Buches erinnert an eine Mischung aus Erfahrungen und Sachbuch. Der Text ist fließend ohne Bilder.
Alix Faßmann schildert ihre Erfahrungen mit der Arbeitswelt und versucht ihre Emotionen in einen größeren Kontext einzuordnen und daraus gesamtgesellschaftliche Rückschlüsse zu ziehen. In der Darstellung unserer Arbeitswelt gelingt ihr das ganz gut.
Was die Lösungsansätze betrifft, sieht es meiner Meinung nach eher dürftig aus. Dazu aber später mehr.
Die Abschnitte sind relativ lang. Man benötigt ein bisschen Geduld beim Lesen, wenn man alles verstehen will.
Am Ende jedes Kapitels findet man eine kleine Aufgabe, die teils ernst, teils humorvoll das Ganze ein bisschen auflockert.




Sprache

Der Stil der Autorin ist sehr gewöhnungsbedürftig.
Sie schreibt zum einen sehr hektisch, es geht immer schnell vorwärts. Würde ich mit jemandem sprechen, würde ich sagen, er stolpert beim Reden. So fühlt sich der Text beim Lesen an. Sie überschlägt sich. Dadurch kann man einigen Argumenten nur schwer folgen, weil sie nicht so klar herausgearbeitet wurden.
Auch fehlt manchmal der rote Faden, der zur Lösung hinführt. Es sind meist nur Aufzählungen von Fakten, durchsetzt mit Metaphern der persönlichen Erfahrung, die in einem sachlichen Text nicht in dieser Häufigkeit vorkommen sollten. Mir ist die Sprache bei dem ernsten Thema zu blumig. In jedem Abschnitt verwendet sie so viele Ausdrücke und Redewendungen, die eher in einen Roman gehören, nicht aber in eine solche Abhandlung. Für mich ist das zu viel des Guten, es macht den Text schwer lesbar.


Umgang mit dem ebook

Das Buch als ebook ist gut lesbar. Die Schrift fließt, es gibt keine harten Absätze oder Seitenumbrüche, die aus dem Lesefluss reißen.
Man kann blättern und lesen wie in einem Roman. Mir reicht das Buch als ebook, ich werde es nicht noch einmal lesen, weil es inhaltlich nicht SO relevant ist. Daher ist man mit der günstigeren elektronischen Variante gut beraten.



Das Buch lässt sich auf den eReadern lesen, ebenso auf Tablets und Smartphones mit entsprechender Lese-App. Es gibt aber auch eine Kindle-Version.


Inhalt und meine Meinung

Die Autorin erläutert anhand eigener Erfahrungen wie unser System Arbeit uns systematisch krank macht. Es geht um immer mehr Leistung und Produktion in kürzerer Zeit, wofür wir immer weniger Geld erhalten. Vor allem diejenigen, die Karriere machen wollen, sind davon betroffen.
Wenn es um Karriere geht, müssen wir auch über Geld reden. Karrieren werden sind geldmotiviert. Wer mehr Geld verdienen will, muss Karriere machen, und sich in dieses System fügen. Wer mit wenig zufrieden ist und vom Geld unabhängig existieren kann und will, oder muss und gezwungen ist, der wird sogleich an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Selbstverwirklichung ist schon lange nur noch etwas für diejenigen, die es sich leisten können. Die Arbeit, die zum Lebensunterhalt dient, wenn sie das denn überhaupt noch vermag, diese Arbeit macht dumm und krank.
Wer es einmal in einem Großunternehmen zu etwas gebracht hat, der weiß, wovon Frau Faßmann spricht. Ich selbst habe bis vor Kurzem auch in einem Großunternehmen gearbeitet. Dort muss man sich in das System fügen. Es wird gemacht, was vom Chef verlangt wird. Sonst ist das Arbeitsverweigerung, bei der die Kündigung droht. Eigene Ideen sind erwünscht, aber nur solange sie in dem Strom der Unternehmensphilosophie mitschwimmen. Wer aber nur macht, was er gesagt bekommt, der wird gewissermaßen dumm. Frau Faßmann übertreibt hier etwas, bringt aber durchaus etwas auf den Punkt: Wenn wir für einen Arbeitgeber arbeiten, tun wir nur das, was von uns verlangt wird, vor allem, wenn wir einen Job schon lange ausüben und innerlich vielleicht schon gekündigt haben. Das macht tatsächlich dumm.
Beim Thema Arbeit macht arm konnte ich den Ausführungen nicht so klar folgen. Wer Arbeit hat, der verdient Geld, und kann sich etwas leisten, auch wenn es manchmal nicht viel ist. Arbeit macht meiner Meinung nach nur arm, wenn man ich im Strom der allgemeinen Konsumsucht mitbewegt. Wer mehr Geld ausgeben will, als er besitzt, wird sicher arm. Trotzdem müssen wir arbeiten, sonst werden wir ja noch ärmer.
Arbeit macht uns krank. Oder vielmehr soll es unser Ehrgeiz sein. Ja, das stimmt. Wer ehrgeizig ist, der arbeitet so viel, dass er teilweise mehr Überstunden macht, als es vom Gesetzgeber erlaubt ist. Das wird aber (offiziell) natürlich von niemandem verlangt. Trotzdem ist es Teil des Systems. Wir müssen ehrgeizig sein, damit wir von unserem Leiharbeitsplatz wieder wegkommen und in einem Unternehmen direkt angestellt werden. Doch wir werden mit Versprechungen geködert und hingehalten. Und wenn wir zwei Jahre oder mehr als Leiharbeiter bei Unternehmen 1 gearbeitet haben, und die versprochene Direktanstellung ausbleibt, dann versuchen wir es eben wieder zwei Jahre lang bei Unternehmen 2, bei dem wir natürlich auch nur hingehalten werden. Dazu bringt die Autorin immer wieder Beispiele aus ihrem eigenen Leben ins Spiel oder stellt Bekannte und Freunde vor, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Insgesamt zeichnet die Autorin ein genaues Bild von unserer Arbeit, von dem System, dem sich kaum einer entziehen kann, aber alternative Vorschläge bleiben leider aus. Der Untertitel sollte daher lieber heißen: Ermutigung zur Karriereverweigerung


Fazit


Insgesamt begleitet man die Autorin von ihrer Karriere über ihren Ausstieg bis nach Italien und zurück nach Berlin. Auf jeder Reiseetappe erfährt man etwas über die Arbeitsumstände und Lebensmodelle von Aussteigern oder Leuten, die in der Arbeitswelt nach Alternativen suchen. Eine allgemeingültige Ableitung für eine leichtere Arbeitswelt, die für die breite Masse gelten könnte, kann ich aber nicht finden. Es ist zwar Zeit für eine neue Haltung, aber die Bewegung im Lande reicht noch lange nicht für gesamtgesellschaftliche Veränderungen. Ich halte den Untertitel Anleitung zur Karriereverweigerung daher für überzogen. Er erweckt falsche Erwartungen. Konkrete Vorschläge, die für viele Menschen umsetzbar wären, konnte ich nicht finden. Klar, man kann aussteigen oder sich eine Auszeit nehmen, aber wir sind doch alle mehr oder weniger vom Geld und damit von Arbeit abhängig, vor allem wenn man wie ich Familie und Verantwortung hat, kann man sich nicht einfach aus dem Staub machen. Das Buch richtete sich daher nicht an DIE GESELLSCHAFT im Allgemeinen, sondern an INDIVIDUALISTEN. Und diejenigen, die Nutzen aus einem solchen Buch ziehen könnten, können sich die Lektüre wahrscheinlich gar nicht leisten. Zudem ist die Sprach sehr hektisch und teilweise unsachlich, da emotional. Daher vergebe ich nur 3 Sterne.

Yolante
Yo ist Yo – hier und anderswo




           eBook: 9,99€


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